Meinungsforscher oder Meinungschamanen? · 19. September 2005, 00:47

Welchen besseren Anlass gäbe es mein zwischenzeitliches Schweigen hier zu brechen, als dieser historische Tag den wir heute zur Bundestagswahl 2005 erlebt haben. Und nicht nur historisch sind die Ereignisse, sondern sie kamen auf so leisen Sohlen angeschlichen, dass kaum jemand mit ihnen gerechnet hat. Und selbst jetzt, nachdem einige Stunden vergangen sind, scheinen die wenigsten zu wissen wie die Ereignisse zu deuten sind. In den letzten Monaten war es so scheinbar einfach die aktuelle Situation zu deuten – regelmäßig wurde man mit den Ergebnissen von Meinungsumfragen und Trends überschüttet, und so wusste man scheinbar bei jedem Handeln eines Politikers gleich am nächsten Tag was das Volk dazu denkt, oder besser vermeintlich denken täte.

Der wohl größte Verlierer, der aber heute von keinem interviewt oder zur Rede gestellt wird, dürften wohl die Meinungsforschungsinstitute gewesen sein, und die tatwillige Helfer welche deren Botschaft in Welt getragen haben (ob Parteien, Medien, Weblogs, Stammtisch oder wer auch immer). Wie konnte es dazu kommen? Ist die Demoskopie, die Meinungsforschung, nicht eine wissenschaftlich durchgeführtes Handwerk? Die ernüchternde Antwort kann wohl nur Nein heißen. Jeder der im Zuge seines Grundstudiums in einem betriebswirtschaftlichen Bereich, und mancher sogar im Abitur, die Grundlagen der Statistik gelernt hat, weiß dass Umfragen oder Wahlprognosen so wie sie in dargestellt werden – nicht wahr sein können; zumindest nach statistischen Gesichtspunkten. Die Statistik arbeitet bei den Beantwortung solcher Fragen mit Konfidenzintervallen, das heißt im Klartext, wenn man eine Stichprobe bei ein paar tausend Wählern gemacht hat, und eine Aussage über die Gesamt(wahl)bevölkerung macht, dann kann man das (bei der Größe der gängigen Stichproben) nur a) mit einer begrenzten Wahrscheinlichkeit (80%, 90%, 95%) und b) nur bezogen auf Intervalle von mehreren Prozent. Oder einfacher ausgedrückt müsste es nicht heißen “Partei X hat bei der Sonntagsfrage 40% erzielt”, sondern beispielweise “Partei X kommt bei der Sonntagsfrage mit 95 prozentiger Wahrscheinlichkeit auf einen Wert zwischen 37 und 43%”. Siehe dazu auch diesen Artikel aus dem Technology Review: Spannung trotz Prognosen:

Der maximale Fehler bestimmt sich rein mathematisch. Für die Sonntagsfrage werden etwa 1250 Wahlbürger aus den 1700 Befragten berücksichtigt – 1000 aus dem Westen, 250 aus dem Osten. Dass man insgesamt 700 Ostdeutsche befragt, liegt am über das Wahlverhalten hinausgehenden Erkenntnisinteresse der Meinungsforscher. Geben 1250 Befragte einer Partei 40 Prozent der Stimmen, könnte diese zwischen 21,6 und 24,8 der 58 Millionen Wähler auf sich vereinen. Das ergibt eine Unsicherheit von plusminus 2,7 Prozentpunkten [...] [mit einem Streuungsmaß/Quantil von hier 0,95].

Aber mit solchen Zahlen gäbe es natürlich nichts zu berichten. Würde doch das was jede Woche als Veränderung berichtet wird, nichts weiter sein als Meßungenauigkeit. Und ehrlicherweise müsste man Woche um Woche nur berichten “wir wissen nicht ob sich wirklich etwas geändert hat”.

Klingt dieser Umstand für sich nicht schon unehrlich? Es ist scheinbar noch wesentlich schlimmer, jedenfalls wenn man der folgenden Seite glauben schenken mag: wahlprognosen-info.de. Dort findet sich Zitate aus namhaften Zeitungen (Spiegel) von namhaften Leitern der bekannten Meinungsforschungsinstitute, die zum Beispiel lauten: “Zwischen dem, was wir an Rohergebnissen erhalten und dem, was wir als Prognose veröffentlichen, liegt manchmal eine Differenz von zehn oder elf Prozent” (Quelle). So jedenfalls Frau Noelle Naumann vom Allensbacher Institut. Weiter wird dort gesagt:

Auf die SPIEGEL-Frage: “Wären Sie grundsätzlich bereit, die ‘Rohzahlen’ zu veröffentlichen, die Ihren ‘gewichteten Zahlen’ zugrundeliegen?” antwortete sie: “Nein! Die Bevölkerung und auch die Journalisten erklären sich schon jetzt für verwirrt. Warum sollen wir sie noch weiter verwirren?” (SPIEGEL Nr 11, 1983, S. 43). Ihr Vorbild machte Schule. Das Herumdoktern an Umfrageergebnissen wird von ihren demoskopischen Brustkindern nicht als Schummelei betrachtet, sondern als hohe Kunst gefeiert. Die wahren Zahlen bleiben fast immer unter Verschluß.

Nun mag einer vielleicht einwenden, dass die Aussagen sehr alt sind, allerdings haben sich die Statistischen Gesetze in der Zwischenzeit nicht geändert, und diese übergroße Dosis “Bauchgefühl/Erfahrung” wird ja auch im oben zitierten Artikel vom TR bestätigt. Wem das Thema interessiert, kann ich nur empfehlen sich weiter damit auseinander zusetzen, neben der “Seite wahlprognosen-info.de”http://www.wahlprognosen-info.de und dem Artikel aus dem Technology Review finden sich noch zahlreiche Quellen im Netz, welche diese Frage detaillierter und kompetenter kennen und darstellen können als ich es zu tun vermag.

Werden sich die Erkenntnisse aus dem heutigen Tage im Verhalten der Meinungsforschungsinstitute niederschlagen? Oder im Verhalten der Medien die deren “Prognosen” bereitwillig und unkritisch weitertragen? Beide unterliegen natürlich wirtschaftlichen Zwängen und einem “Nachfragedruck” durch Konsumenten die eher gegen eine Änderung in diesem Punkt sprechen – andererseits ist es nur schwer vorstellbar, dass dieses große Versagen in den nächsten Tagen und Wochen von den Medien selbst unbeachtet bleibt. Ob es bei den anstehenden sonstigen – zugegeben wichtigeren – “großen Nachrichten” der nächsten Tage genug Platz einnehmen kann, dass ein umdenken stattfindet, wird sicher spannend zu beobachten sein.

Wenn ich dann allerdings am gleichen Abend als erste Reaktion auf das “überraschende” Wahl-Ergebnis sehe, dass sich (ausgerechnet die ARD) entschließt Blitzumfragen in Auftrag zu geben (um herauszufinden “welche Koalitionen das Volk wünscht”) so befürchte ich , dass die Antwort auf das große Versagen wohl einfach “mehr desselben” sein wird. It’s the Blind leading the Blind…

update: Auf der oben genannten Website, auch eine Zusammenfassung und Kommentare zur aktuellen Bundestagswahl 2005: http://www.wahlprognosen-info.de/aktuell/kopf_an_kopf.htm.


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