Sogenannte Selbstreinigungskräfte in Online-Foren · 29. August 2004, 17:39

Als Teilnehmer und auch als (Mit-)Betreuer von verschiedenen Online-Foren bin ich immer wieder über den Begriff “Selbstreinigungskräfte” oder “Selbstreinigungsprozeß” gestolpert. In der Regel wird es genutzt, wenn man über problematische User oder problematisches Verhalten spricht welches die Community, bzw. deren Teilnehmer selbst in den Griff kriegen können soll, ohne dass ein regulierender Eingriff einer “höheren Instanz” notwendig ist.

Eine saubere Angelegenheit?

Das klingt vielleicht auf Anhieb wie eine feine Sache, denn es hat diesen Hauch von Gerechtigkeit, und Basisdemokratie; ich habe aber großer Zweifel ob es das wirklich ist. Sehr häufig wird es nämlich nur als Euphemismus verwendet um die unschöneren, aber ehrlicheren Worte “rausmobben”, “ausgrenzen”, “abwimmeln” u.ä. zu ersetzen. Und wenn jemand in einer konkreten, aktuellen Konfliktsituation diese “Selbstreinigungskräfte” heraufbeschwören will, dann kann man sich fast gänzlich sicher sein, dass es als (mehr oder weniger) versteckter Aufruf zur Selbstjustiz zu verstehen ist. Eine meist lautstarke Minderheit ernennt sich zur Bürgerwehr, holt die virtuellen Gewehre aus dem Schrank, und ernennt den “Gegner” für vogelfrei. Nach der öffentlichen Ächtung folgt konsequentes ausgrenzen, abwerten und offene Konfliktsuche, solange bis man die betroffene Person los wird.

“Immerhin wird man ‘das Problem’ los, oder nicht?”

Die Frage sollte vielmehr sein um welchen Preis, die Redensart “den Teufel mit dem Belzebub austreiben” kommt einem dabei in den Sinn. Das ganze kann dann sowohl kurz- als auch langfristige negative Folgen haben. Die kurzfristigen sind wohl die offensichtlichen:

Wenn man sich als Administration nicht gegen so etwas stellt (und sich womöglich dafür einsetzt), dann wird man auch die langfristigen Folgen zu spüren bekommen.

Nicht der Auslöser für solches Mobbing ist das Problem, sondern das “soweit-kommen-lassen”

Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich sage nicht, dass es dabei Unschuldige träfe, ich sage aber auch nicht, dass Betroffene zwangsläufig schuldig wären – Im Gegenteil: die “Schuldfrage” spielt für meine Überlegung gar keine Rolle. Mir geht es letztlich nur um das Fehlverhalten der Selbstgerechten und ggf. der Verantwortlichen die so etwas zulassen.

Schlägt man beispielsweise den Begriff Selbstjustiz nach liest man:
bq. Als Rechtfertigung für einen Akt der Selbstjustiz wird meist das Versagen oder die Unfähigkeit der Justiz gegen die als gesetzesbrecherisch empfunden Handlung effektiv, schnell oder überhaupt vorzugehen, vorgebracht.

Als Verantwortlicher in einem Forum sollte man sich also fragen, ob es tatsächlich “gesetzesbrecherische” Verhaltensweisen gibt, die man zulässt und wodurch in der Community ein Bedarf entsteht sich selbst um diese User zu kümmern. Oder ob es andererseits vielleicht ‘nur’ an mangelnder Kommunikation der Verantwortlichen mit der Community liegt, dass diese den Eindruck gewinnen sich selbst überlassen zu sein.

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Weitere Leseempfehlungen aus dem MeatballWiki:
[1] Vigilante Justice
[2] Dark Side Of Community


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